Ausstellungsansichten: "Heimreise in die Fremde" im Projektraum, Atelierfrankfurt

Küsse, baden lutschen

Corinna Mayer im Atelierfrankfurt

Gerecht ist das nicht, dass im Trubel der Eröffnungen zwischen Hallo, Bier und Küssen, zwischen Kunst im Erdgeschoss, im Keller oder unterm Dach, des Atelierfrankfurt (Hohenstaufenstr.13-25) und angesichts all der Verlockungen der Freitagsküche an so einem Vernissageabend die Ausstellungen im Projektraum beinahe untergehen. Dabei lassen sich dort nicht nur interessante Gäste entdecken. Es sind vor allen die Hauskünstler des Atelierfrankfurts, die ihre aktuellen Arbeiten vorstellen, heikle Experimente wagen oder auch Tendenzen und Entwicklungslinien sichtbar machen, mit ihren frischen, mitunter nicht mal trockenen Bildern Einblick geben in die eigene Werkstatt.

Das ist mal aufregend, mal routiniert, doch aufschlussreich. Das gilt besonders für die Ausstellung Corinna Mayers, die den Projektraum derzeit bespielt. Nicht nur, weil Sie angesichts ihrer aktuellen Katalogpräsentation einen Rückblick auf ihr Schaffen der vergangenen fünf Jahre nahe legt. Oder weil ihre bezaubernden wie irritierenden Zeichnungen, weil all das auf Pornos und Magazine, Tagebuch und Kunstgeschichte gleichermaßen verweisende „Küssen“ „Baden“ „Lutschen“, in einer seltenen Fülle Eingang in die Schau gefunden hat. Es sind mehr noch die aktuellen Bilder der 1969 geborenen Künstlerin, die zeigen, dass sich etwas verändert in ihren Werk. Seit Jahren schon zeichnet sich die Kunst der einstigen Meisterschülerin von Hermann Nitsch durch Konzentration auf die menschliche Figur, eine Bevorzugung leuchtender Rot- und Blau töne und durch eine Art Sampletechnik aus- einen eklektisch anmutenden Rückgriff auf Motive, Gesten, Posen und Figuren, die sich unterschiedlichen Kontexten, Medien und Epochen entnimmt und sich nur das wegen aneignet, um sie in das Wortes doppelter Bedeutung in ihren Bildern aufzuheben. Dass sie sich dabei seltsam fremd ausnahmen, isoliert von ihresgleichen, einsam fast und stets melancholisch, was indes weniger der Kontextverschiebung geschuldet als einer inneren Haltung der Figuren. Jetzt aber ist man beinahe geneigt zu glauben, jemand habe all die fremdelnden Frauen und Männer, Kinder, all die Paare und Passanten der Gemälde einfach wach geküsst.

Und schon kommt Bewegung in die Figuren, wenden sie sich einander zu, spielen am „Strand“ und necken sich, küssen, liebkosen und lieben einander, als sei  ihre Verlorenheit nichts als ein schwerer, endlos langer Schlaf gewesen. Doch dem heiteren Mitsommernachtstraum etwa von Mayers „Cat“ folgt bald das böse Erwachen. Gleichviel, für die Entwicklung der Künstlerin, für die existentielle Haltung der Figuren auch ist das womöglich nicht einmal entscheidend. Nichts wird mehr sein, wie es war: Nur darauf kommt es an.

 

Christoph Schütte<